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Autofahren in den USA – was ist anders als bei uns?

ca. 10 Min. Lesezeit

Es gibt Dinge, bei denen ich mich nach mehr als 40 USA-Reisen noch immer frage, warum wir sie in Deutschland eigentlich anders machen.

Ampeln gehören definitiv dazu.

Wer in den USA zum ersten Mal an einer großen Kreuzung steht, bemerkt ziemlich schnell einen Unterschied: Die Ampel hängt normalerweise nicht direkt über der Haltelinie, sondern gut sichtbar auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung.

Das klingt nach einer Kleinigkeit.

Ist es vermutlich auch.

Aber ich finde es genial.

Selbst wenn ich als Erster an der Haltelinie stehe, kann ich die Ampel wunderbar sehen. Kein Blick schräg nach oben, kein Verrenkeln des Kopfes.

Erstaunlicherweise habe ich mich schon bei meiner ersten USA-Reise ab der ersten Ampel daran gewöhnt.

Und nach der Rückkehr nach Deutschland?

Erste rote Ampel, ganz vorne an der Haltelinie – und wieder den Kopf verrenken.

Willkommen zu Hause.

Autofahren in den USA finde ich erstaunlich entspannt

Viele USA-Erstbesucher machen sich Gedanken über das Autofahren. Andere Verkehrsregeln, riesige Straßen, große Kreuzungen und dann vielleicht noch sechs oder acht Fahrspuren nebeneinander.

Ich empfinde das Autofahren in den USA inzwischen als ausgesprochen entspannt.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Berufsverkehr rund um Los Angeles, Atlanta oder New York kann auch meine Begeisterung etwas bremsen. Aber grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass auf amerikanischen Straßen häufig mehr Platz vorhanden ist und viele Verkehrsteilnehmer ziemlich gelassen miteinander umgehen.

Auch auf den Interstates fahre ich gerne.

Der Verkehr fließt nach meiner Erfahrung häufig mit relativ gleichmäßiger Geschwindigkeit. Extreme Raser fallen mir deutlich weniger auf als auf deutschen Autobahnen und die vom Navi errechnete Ankunftszeit lässt sich auf längeren Strecken erstaunlich oft ziemlich gut einhalten.

Das ist natürlich meine persönliche Erfahrung aus vielen USA-Reisen und keine wissenschaftliche Untersuchung über amerikanische Autofahrer.

Aber nach inzwischen ziemlich vielen Meilen hinter dem Steuer hat sich an meinem Eindruck wenig geändert.

Rechts abbiegen bei Rot – irgendjemand hupt schon

An eine Sache musste ich mich bei meinen ersten Fahrten allerdings gewöhnen: das Rechtsabbiegen an einer roten Ampel.

Das fühlt sich für einen deutschen Autofahrer zunächst einfach falsch an.

Rot ist Rot.

Also stand ich bei meinen ersten Fahrten brav an der Ampel und wartete.

Bis mich die Amerikaner hinter mir mit einem freundlichen Hupen darauf aufmerksam machten, dass ich durchaus fahren könnte.

Das Grundprinzip ist einfach: An vielen Kreuzungen darfst du nach einem vollständigen Stopp bei Rot rechts abbiegen, wenn die Straße frei ist und du niemandem die Vorfahrt beziehungsweise den Vorrang nimmst.

Aber: Achte immer auf die Beschilderung. Steht dort NO TURN ON RED, bleibt das Auto stehen. Außerdem können sich die genauen Regeln je nach Bundesstaat und Kreuzung unterscheiden.

Rot bedeutet trotzdem erst einmal Stopp

Right Turn on Red bedeutet nicht, dass du einfach langsam um die Ecke rollen darfst. Zunächst vollständig anhalten, Verkehr und Fußgänger beachten und erst dann abbiegen, wenn es erlaubt und sicher ist.

4-Way Stop – erstaunlicherweise funktioniert das

Auch der 4-Way Stop wirkt beim ersten Mal etwas merkwürdig.

Vier Straßen treffen aufeinander und an jeder steht ein Stoppschild. Keine Ampel. Keine Vorfahrtsstraße.

Grundsätzlich fährt derjenige zuerst, der zuerst an der Kreuzung angekommen ist. Treffen mehrere Fahrzeuge gleichzeitig ein, gelten zusätzliche Vorfahrtsregeln – deshalb sollte man nicht einfach nach dem Motto „Ich glaube, ich war zuerst da“ losfahren.

In der Praxis funktioniert das nach meiner Erfahrung erstaunlich gut.

Man schaut sich an, einer fährt, dann der Nächste.

Ich habe allerdings gewisse Zweifel, ob das System an einem Montagmorgen um 7:45 Uhr an einer deutschen Kreuzung genauso harmonisch funktionieren würde.

Auf der Interstate verteilt sich der Verkehr anders

Auch an das Fahren auf mehrspurigen Interstates habe ich mich schnell gewöhnt.

Eine Besonderheit ist, dass die amerikanischen Regeln zur Fahrspurbenutzung und zum Überholen nicht einfach unserem deutschen Rechtsfahrgebot entsprechen. Die genauen Vorschriften unterscheiden sich außerdem zwischen den Bundesstaaten.

In der Praxis erlebt man deshalb häufig, dass sich Fahrzeuge wesentlich gleichmäßiger über mehrere Fahrspuren verteilen und Autos auch rechts an anderen Fahrzeugen vorbeifahren.

Ich empfinde das als angenehm.

Dieses ständige Links-raus-zum-Überholen-und-danach-wieder-rechts-rein, das wir von deutschen Autobahnen kennen, spielt auf vielen amerikanischen Interstates eine deutlich kleinere Rolle.

Ein Freibrief zum beliebigen Rechtsüberholen ist das allerdings nicht. Auch hier gelten die jeweiligen Verkehrsregeln des Bundesstaates.

Eine Ausfahrt kann auch links liegen

Noch etwas, das einen deutschen Autofahrer zunächst kurz irritieren kann: Eine Interstate-Ausfahrt muss nicht zwingend rechts liegen.

Es gibt auch Left Exits.

Das wird normalerweise rechtzeitig ausgeschildert und ist nach kurzer Eingewöhnung überhaupt kein Problem.

Eigentlich ist es sogar ziemlich logisch. Warum eine aufwendige Straßenkonstruktion bauen, nur damit jede Ausfahrt unbedingt rechts liegen muss?

Ich vermute, die Amerikaner haben damit im Laufe der Jahrzehnte einige Dollar Beton gespart.

Was gibt es eigentlich an der nächsten Ausfahrt?

Eine weitere Kleinigkeit, die ich auf Roadtrips sehr praktisch finde, sind die Hinweistafeln vor vielen Interstate-Ausfahrten.

Dort steht nicht einfach nur „Food“ oder „Gas“.

Häufig zeigen die Schilder gleich die Logos der Tankstellen, Restaurants und Unterkünfte, die man an der nächsten Ausfahrt findet.

Du weißt also schon auf der Interstate: An diesem Exit gibt es beispielsweise eine bestimmte Tankstelle, ein paar Fast-Food-Restaurants und mehrere Hotels.

Gerade auf einer langen Etappe ist das ungemein praktisch.

Center Lane – was soll ich denn da machen?

Eine Fahrspur hat mich anfangs allerdings etwas ratlos gemacht: die Center Turn Lane.

Sie liegt mitten zwischen den beiden Fahrtrichtungen und ist für deutsche Augen zunächst ziemlich ungewöhnlich.

Center Turn Lane mit Abbiegepfeilen auf einer Straße in einer amerikanischen Kleinstadt

Verkehrsschild für eine Center Lane mit Abbiegepfeilen in beide Richtungen

Wenn man verstanden hat, wofür sie gedacht ist, ist das System genial einfach.

Stell dir eine breite Straße mit Geschäften, Restaurants, Tankstellen und Parkplätzen auf beiden Seiten vor. Du möchtest links auf einen Parkplatz fahren.

Bei uns würdest du auf deiner normalen Fahrspur stehen bleiben und auf eine Lücke im Gegenverkehr warten. Hinter dir wartet währenddessen alles mit.

In den USA wechselst du vorher in die Center Turn Lane. Dort wartest du auf eine passende Lücke und biegst anschließend links ab.

Der Verkehr hinter dir kann einfach weiterfahren.

Und das funktioniert aus beiden Fahrtrichtungen. Deshalb befinden sich auf der Fahrbahn die typischen gegenläufigen Abbiegepfeile.

Wichtig ist nur: Die Center Turn Lane ist keine zusätzliche normale Fahrspur und keine Überholspur. Sie dient dazu, sich auf einen Linksabbiegevorgang vorzubereiten. Wie weit man sie vor dem Abbiegen benutzen darf und welche weiteren Details gelten, kann vom jeweiligen Bundesstaat abhängen.

 

Eine meiner liebsten amerikanischen Verkehrsideen

Die Center Lane sieht beim ersten Mal komplizierter aus, als sie ist. Sobald man verstanden hat, wie genial einfach dieses System funktioniert, möchte man sie eigentlich nicht mehr missen. Gerade an großen Straßen mit vielen Einfahrten hält sie den normalen Verkehr wunderbar am Laufen.

Beim School Bus solltest du besonders aufmerksam sein

Bei einem Thema sollte man sich allerdings nicht auf Gewohnheiten aus Deutschland verlassen: bei amerikanischen Schulbussen.

Wenn ein School Bus mit blinkenden roten Lichtern anhält und sein Stoppschild ausklappt, gelten strenge Regeln. Je nach Bundesstaat und Art der Straße kann die Anhaltepflicht auch den Verkehr in der Gegenrichtung betreffen.

Beispielsweise schreibt Kalifornien grundsätzlich vor, dass bei rot blinkendem School Bus der Verkehr aus beiden Richtungen stoppt; für entsprechend getrennte beziehungsweise mehrspurige Straßen gibt es Ausnahmen. Andere Bundesstaaten können Details anders regeln.

Beim School Bus lieber einmal genauer hinschauen

Die Vorschriften unterscheiden sich zwischen den Bundesstaaten. Wenn ein School Bus seine roten Warnleuchten und das Stoppschild aktiviert, solltest du deshalb nicht einfach nach deutschen Gewohnheiten weiterfahren. Im Zweifel stehen bleiben und die örtliche Regel beachten.

Tanken? Inzwischen ziemlich bequem

Auch das Tanken in den USA finde ich mittlerweile ausgesprochen unkompliziert.

Vor allem gefällt mir, dass das Bezahlen direkt an der Zapfsäule an sehr vielen Tankstellen völlig selbstverständlich ist.

Karte rein beziehungsweise kontaktlos bezahlen, Kraftstoff auswählen, tanken und weiterfahren.

Mit ausländischen Kreditkarten kann es allerdings vorkommen, dass ein Automat nach einem amerikanischen ZIP Code fragt oder die Karte nicht akzeptiert. Dann gehe ich einfach hinein und bezahle dort.

Überhaupt lohnt sich manchmal ein Blick in den Shop.

Manche amerikanische Tankstellen erinnern eher an kleine Supermärkte. Kühlregale voller Getränke, Kaffee, Süßigkeiten, Chips und andere Snacks gehören fast immer dazu. Je nach Tankstelle gibt es außerdem Pizza, Hot Dogs, Sandwiches oder anderes warmes Essen.

Auf einem Roadtrip kann eine Tankstelle deshalb gleichzeitig Tankstopp, Toilettenpause und Versorgung für die nächsten Stunden sein.

Rest Areas – warum sind wir da jahrelang vorbeigefahren?

Eine andere amerikanische Einrichtung haben wir dagegen jahrelang konsequent ignoriert.

Rest Areas.

Wir sahen die Schilder an der Interstate und fuhren weiter.

Ich hatte dabei vermutlich deutsche Autobahnrastplatz-Toiletten im Kopf und verspürte wenig Bedürfnis, herauszufinden, wie die amerikanische Variante aussieht.

Dann waren wir mit unseren Kindern unterwegs.

Und irgendwann war die Frage, ob wir anhalten möchten, schlicht erledigt.

Wir mussten.

Rest Area mit Parkplatz und Rastgebäude an einer amerikanischen Interstate

Seitdem frage ich mich, warum wir so viele Jahre daran vorbeigefahren sind.

Unsere Erfahrungen waren bisher durchweg positiv. Die Anlagen waren hell, ordentlich und vor allem sauber. Nicht jedes Gebäude war brandneu und natürlich sieht nicht jede Rest Area gleich aus. Aber selbst ältere Anlagen waren bei unseren Besuchen gepflegt.

Oft gibt es einen Aufenthaltsbereich, Informationsmaterial und Verkaufsautomaten mit Getränken und Snacks. Teilweise ist sogar Personal beziehungsweise eine Aufsicht vor Ort.

Und etwas ist uns ebenfalls aufgefallen: Die Automaten funktionieren tatsächlich und sind normalerweise auch befüllt.

Das klingt nach einer ziemlich niedrigen Messlatte.

Aber wer schon einmal mit durstigen Kindern vor einem leeren oder defekten Automaten gestanden hat, weiß, dass solche Kleinigkeiten plötzlich erstaunlich wichtig werden können.

Heute fahren wir an einem Rest-Area-Schild jedenfalls nicht mehr automatisch vorbei.

Nur amerikanische Parkschilder verstehe ich bis heute nicht immer

Damit jetzt nicht der Eindruck entsteht, ich hätte nach mehr als 40 USA-Reisen das komplette amerikanische Verkehrssystem verstanden:

Habe ich nicht.

Bei manchen Parkregeln in größeren Städten bin ich bis heute raus.

Ein Schild erlaubt das Parken zu bestimmten Zeiten, das nächste schränkt es wieder ein, irgendwo steht etwas über Street Cleaning und der Bordstein hat möglicherweise auch noch eine Farbe.

Wahrscheinlich ergibt das alles einen Sinn.

Manchmal fehlt mir allerdings die Geduld, ihn herauszufinden.

Und da Parkverstöße auch in den USA ziemlich schnell teuer werden können, fahre ich in größeren Städten meistens lieber direkt in ein Parkhaus.

Dann weiß ich, dass ich dort stehen darf.

Und im Sommer steht der Mietwagen auch noch im Schatten.

Manchmal ist die einfachste Lösung eben die beste.

Und wenn die Polizei mich anhält?

Dazu kann ich tatsächlich keine persönliche Geschichte erzählen.

Ich bin in den USA inzwischen sehr viele Meilen gefahren und wurde noch nie von der Polizei angehalten.

Das darf gerne so bleiben.

Trotzdem sollte man wissen, dass eine amerikanische Verkehrskontrolle anders ablaufen kann als bei uns. Wenn ein Polizeifahrzeug hinter dir signalisiert, dass du anhalten sollst, suchst du eine sichere Stelle, fährst rechts heran und bleibst im Fahrzeug. Hände gut sichtbar lassen und zunächst die Anweisungen des Officers abwarten.

Dokumente würde ich nicht hektisch aus irgendeiner Tasche oder dem Handschuhfach holen, sondern erst dann, wenn ich dazu aufgefordert werde.

Mehr persönliche Tipps kann ich dazu nicht geben.

Und ganz ehrlich: Ich hoffe, dass das auch so bleibt.

Ist Autofahren in den USA schwierig?

Nein.

Zumindest empfinde ich es nicht so.

Natürlich muss man ein paar Dinge kennen. Right Turn on Red, 4-Way Stop, School Buses oder die Center Turn Lane funktionieren anders als bei uns. Dazu kommen Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesstaaten.

Aber vieles erklärt sich erstaunlich schnell, wenn man erst einmal unterwegs ist.

Und manches möchte ich anschließend am liebsten mit nach Deutschland nehmen.

Die Center Lane zum Beispiel.

Die Rest Areas ebenfalls.

Bezahlen direkt an der Zapfsäule sowieso.

Und dann wäre da noch diese eine Sache.

Nach zwei oder drei Wochen USA lande ich wieder in Deutschland, steige ins Auto und fahre nach Hause.

Irgendwann kommt die erste rote Ampel.

Natürlich stehe ich ganz vorne.

Und natürlich hängt die Ampel wieder irgendwo über meinem Kopf.

Also beuge ich mich nach vorne und schaue schräg nach oben, um zu sehen, wann es endlich Grün wird.

Spätestens dann vermisse ich die USA schon wieder ein kleines bisschen.

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